Forced Winner & Aggressive Margin

Wenn wir uns zu einem wettkampftauglichen Spieler entwickeln wollen, gehen wir in der Regel erstmal den Weg, unsere Fehlerquote zu verringern und arbeiten mehr oder weniger intensiv daran, unsere aggressive Seite zu entwickeln, also die Fähigkeit, aktiv den Punkt durch gute Schläge zu erzwingen (Forced Winner) anstatt auf den Fehler des Gegners zu hoffen.

Es gibt zwar die Redewendung "Wer wagt, gewinnt", doch steht dem gegenüber "Wer riskiert, verliert".

Die nimmermüden fitnessorientierten Tennisspieler/innen, die jeden Ball wieder ins Feld zurückspielen und von den Fehlern ihrer Gegner profitieren, repräsentiert den risikoscheuen Spielertyp, den wir als Sammler bezeichnen können. Als Sammler schaffen es viele Spieler/innen, sich eine einstellige Leistungsklasse zu erarbeiten. Es ist aber schwer für sie, diese LK langfristig zu halten.

Richtig gut wird nur ein mutiger Jäger. Bis ein Jäger aber so gut ist, dass er einen guten Sammler schlagen kann, vergehen Jahre - zermürbende Jahre unzähliger verlorener Matches gegen Sammler. Wer diese Zeit durchlaufen hat und schließlich in der Lage ist, das Blatt zu wenden, hat mentale Stärke bewiesen, die eine notwendige Grundlage für die Aufgabe ist, die nun folgt: das Siegen gegen gleichgute oder bessere Jäger.

1988/89 veröffentlichte William R. Jacobson bzw. Bill Jacobson zwei Artikel in den USA, die einen Personal Improvement Chart empfehlen, dessen wesentlicher Inhalt die Aggressive Margin ist. Die Aggressive Margin ist die Summe aus:

Eigene Gewinnschläge + erzwungene Punkte – eigene Fehler

Das Schöne an diesem Konzept ist, dass es sowohl für die Club-Spieler als auch für die Profis von Nutzen ist.

Bill Jacobson wurde 2015 für seine Errungenschaften im Bereich der Tennis-Statistik in die Hall of Fame aufgenommen. Er gründete 1980 die Firma Sports Software Inc., die die Analyse-Software für den weltweit ersten Tennis-Computer CompuTennis CT 120 programmierte.

William R. Jacobson

Bill Jacobson poses with the original CT120 replica in his Los Altos office on Monday, July 27, 2015. The 78-year-oold Los Altos Hills resident will be inducted to the NorCal USTA Hall of Fame for his instrumental role in the development of match statistics. (John Reid / Daily News)

So wie andere Coaches auch, hatte Jacobson die Matches seines 10jährigen Sohnes mit Papier und Stift aufgezeichnet. Mit den aufkommenden Computern kam er auf die Idee, diesen Vorgang zu vereinfachen - ein Artikel aus 1984 zeigt sehr gut die Leistungsfähigkeit des damaligen Systems.

Jacobson wurde in den Anfangsjahren unterstützt von Leo Levin, einem anderen großen Tennis-Analytiker und Mit-Innovator der Tennis-TV-Statistik.

Bereits 1989 war zu lesen:
"Some tennis clubs and camps offer statistical charting in their programs. The California company CompuTennis runs clinics at which players can have their shots computer charted, analyzed and coached during a match. Both CompuTennis and Match Trac sell computer softwear for use in portable PC's to chart matches. Those who aren't computer equipped can chart by hand on forms available from CompuTennis or Webster's Tennis Analysis." (Quelle)

Abschließend empfehle ich euch ein ausführliches Interview mit Levin.

Für Statistik-Nerds mag noch das Gespräch zwischen Steve Smith and Andy Fitzell über Bill Jacobson, den "charting pioneer and father of modern tennis statistics", interessant sein.

Heutzutage erledigt eine App auf dem Handy, wozu man vor Jahrzehnten noch einen Computer benötigte.

Wenn es uns als freizeitorientierte Club-Spieler gelingt, eine positive Aggressive Margin zu erspielen, dann haben wir viel errreicht !

Es folgt ein Kapitel mit einem kurzen kritischen Blick ins Profi-Tennis.